Ein überhebliches Missverständnis

Das Universum existiert seit circa 13,8 Milliarden Jahren und unser Planet seit 4,54 Milliarden Jahren. Die Erde war lange ein lebensfeindlicher Ort: flüssiges Gestein, giftige Atmosphären, kein Sauerstoff, keine Ozeane, keine Stabilität. Erst nach hunderten Millionen Jahren kühlte sich seine Oberfläche ab. Wasser sammelte sich und chemische Prozesse begannen, Leben hervorzubringen. Seitdem hat sich die Erde unzählige Male verändert. Kontinente drifteten, Ozeane verschwanden und entstanden neu, ganze Lebensformen kamen und gingen. All das hat der Planet bereits miterlebt und überstanden, denn er existiert immer noch. Prognosen gehen davon aus, dass er noch weitere Milliarden Jahre bestehen wird, bis sich die Sonne und damit auch die Bedingungen hier grundlegend verändern werden. Der moderne Mensch (Homo Sapiens) lebt seit circa 300.000 Jahren auf diesem Planeten. Das bedeutet, dass wir 99,993% der bisherigen Geschichte unseres Planeten nicht erlebt haben. Das uns bekannte ist ein kaum messbarer Bruchteil dieser Zeit.

Und genau hier, in diesem kaum wahrnehmbaren Zeitfenster, sind wir. Bei vollem Bewusstsein, in der Lage es wahrzunehmen und darüber nachzudenken. Es ist schwer zu überschätzen, wie außergewöhnlich das ist.

Aus chemischer und physikalischer Sicht ist jeder Mensch, wie alles andere im Universum, eine bestimmte, komplexe Ansammlung von Atomen. In einem beobachtbaren Universum mit hunderten Milliarden Galaxien, in dem eine Galaxie mehr Sterne hat als die Erde Sandkörner, finden sich unsere Atome ausgerechnet auf dem Planeten wieder, der sich in der richtigen Entfernung zu seiner Sonne befindet. Der so mit flüssigem Wasser und einer Atmosphäre unseren komplexen Ansammlungen von Atomen das Leben ermöglicht. Der darüber hinaus durch die exakt richtig justierten Kräfte für stabile Bedingungen sorgt, da die Planeten unserer Galaxie weder kollidieren noch auseinanderdriften.

Wenn man die Geschichte des Universums auf ein Jahr komprimieren würde, taucht der moderne Mensch erst am letzten Tag des Jahres in den letzten Sekunden vor Mitternacht auf. Und doch sind wir genau jetzt hier. Nicht vor 100.000 Jahren, nicht in ferner Zukunft, sondern genau in dem Moment, in dem wir als wahrscheinlich einzige Spezies genug wissen, um zu verstehen, wie unwahrscheinlich unsere Existenz ist.

Der Mensch ist zweifelsfrei eine enorm entwickelte, intelligente Spezies. Jedoch scheint es, als würden wir uns im Kontext der Geschichte unseres Planeten falsch einordnen. Wir geben uns eine zu hohe Bedeutung, scheinen so zur Überheblichkeit zu neigen. Tun wir dies trotz oder vielleicht gerade aufgrund unserer fortgeschrittenen Entwicklung? Eine der verbreitetsten Annahmen unserer Zeit ist, dass der Mensch dabei sei, den Planeten zu zerstören. Sie taucht in politischen Debatten auf, in Medien, in Alltagsgesprächen. Diese Annahme klingt dramatisch und verantwortungsbewusst. Dennoch ist sie grundlegend falsch, da sie aus einer falschen Perspektive entstand.

Wir überschätzen unsere Bedeutung, unsere Fähigkeiten und unseren Einfluss, weil wir uns selbst als Maßstab nehmen. Was unser Leben bedroht, erscheint uns automatisch existenziell für alles andere. Die Wahrheit ist jedoch: was uns zerstört, zerstört nicht zwangsläufig alles andere auf unserem Planeten. Anders als wir es tun, misst der Planet, auf dem wir leben, Existenz nicht in Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Er misst in Jahrtausenden und Jahrmillionen.

Für den Menschen ist Zeit linear und knapp. Ein Leben dauert weniger als 100 Jahre, eine Zivilisation ein paar Jahrhunderte. Für die Erde ist Zeit etwas völlig anderes, nämlich 4,54 Milliarden Jahre Existenz. Sie hat globale Eiszeiten, extreme Vulkanausbrüche und Meteoriteneinschläge überstanden, ohne zu verschwinden. Die Tatsache, dass wir uns etwas zutrauen, was das Universum seit mehreren Milliarden Jahren nicht schafft, zeugt von maximaler Selbstüberschätzung.

Was wir als existenzielle Katastrophe für den Planeten begreifen, ist aus seiner Sicht eine Phase. Diese Phase dauert an, bis mit ihrem Ende eine neue Phase beginnt. Selbst ein Ereignis, das für uns alles beendet, ist für die Erde lediglich eine Phase der Neuordnung. Was der Mensch als existenzielle Katastrophe für den Planeten begreift, ist letztendlich lediglich eine existenzielle Katastrophe für das derzeitige Leben auf dem Planeten, und damit für uns selbst.

Das trifft auf die Klimakrise zu. Selbst auf einen globalen Atomkrieg, den wir als ultimatives Zerstörungsszenario begreifen. Käme es tatsächlich zu diesem Szenario, wäre der Einsatz von ballistischen Raketen mit atomaren Sprengköpfen der Weg, den Experten am realistischsten bewerten. Zwar gibt es deutlich kräftigere Atomwaffen, diese sind jedoch unpraktikabel, sodass ein Szenario mit tatsächlicher Nutzung sehr abstrakt erscheint. Atomare Sprengköpfe auf ballistischen Raketen haben einer Kraft von 300 bis 330 Kilotonnen TNT, was ungefähr 0,3 Megatonen entspricht. Der Meteoriteneinschlag, der das Leben der Dinosaurier beendete, wird auf 70 bis 100 Millionen Megatonnen geschätzt. All unsere Krisen sind keine existenzielle Bedrohung für den Planeten, nicht mal für das Leben an sich. Sie sind lediglich eine existenzielle Bedrohung für das aktuelle Leben.
Leben scheint widerstandsfähiger zu sein, als wir oft annehmen. Die Geschichte des Lebens und mitunter die unvorstellbaren Kräfte des Meteoriteneinschlags scheinen hierfür Beweis genug zu sein.

Die Erde ist kein fragiles System, das auf die Menschheit angewiesen ist. Ganz im Gegenteil, sind es doch wir, die vollständig abhängig von sehr spezifischen Bedingungen sind. Von einer engen Temperaturspanne, stabilen Wasserkreisläufen, funktionierenden Ökosystemen und berechenbaren Jahreszeiten. Verschwinden diese Bedingungen, verschwindet nicht der Planet. Es verschwindet unsere Möglichkeit, auf ihm zu existieren. Das ist eine physikalische Feststellung, denn Leben ist kein Wunder im romantischen Sinn, sondern ein glückliches Zusammenspiel verschiedener Phänomene. Dort, wo Energie, Chemie und Zeit zusammentreffen, entsteht es. Solange die Sonne Energie liefert und Wasser vorhanden ist, wird es Formen von Leben geben. Vielleicht nicht solche, die wir kennen oder verstehen, aber Leben.

Die Erde hat diese Fähigkeit mehrfach bewiesen. Nach jedem Massenaussterben kam neues, anderes, angepasstes Leben.

Fast die gesamte Menschheitsgeschichte war ein Kampf gegen die Natur. Gegen Kälte, Hunger, Krankheiten und Unberechenbarkeit. Fortschritt bedeutete für uns dabei immer ein Gewinn von Kontrolle. Heute hat sich diese Logik umgekehrt. Zum ersten Mal scheint Fortschritt mit zunehmendem Kontrollverlust einherzugehen. Zum ersten Mal müssen wir für die Natur kämpfen, um selbst zu überleben. Nicht, weil wir plötzlich moralischer geworden sind, sondern weil unsere eigene Existenz davon abhängt. Debatten sind geprägt von Ideologie und Moral, jedoch handelt es sich hierbei nicht um eine ideologische Wende, sondern um eine strukturelle, bei der ausschließlich unser Fortbestand auf dem Spiel steht.

Nachhaltigkeit wird oft als altruistisches Konzept und als moralische Verpflichtung gegenüber dem Planeten verstanden. In Wahrheit sollte Nachhaltigkeit ein zutiefst egoistisches Anliegen sein. Sie dient ausschließlich uns und dem Erhalt unserer eigenen Lebensgrundlagen. Der Planet braucht keine Nachhaltigkeit, keine CO2-Limits und keine Temperaturanstiegsbegrenzung von 1,5°C. Der Planet braucht nicht mal ein Müllentsorgungsverbot für Ozeane. Eine PET-Flasche braucht maximal 5.000 Jahre, bis sie von der Natur zersetzt wurde. Was sind 5.000 Jahre, wenn man 4,54 Milliarden Jahre alt ist?

Das ist wichtig zu verstehen: nur wir brauchen diese Maßnahmen, nur wir brauchen Nachhaltigkeit. Selbstverständlich schadet es dem Planeten in seiner aktuellen Form, wenn er sich mit Entwicklungen wie beispielsweise einer überdurchschnittlichen CO2-Produktion und globaler Verschmutzung konfrontiert sieht. Der entscheidende Unterschied zur Menschheit ist: diese Entwicklungen schaden ihm kurzfristig, weil er „kurzfristig“ anders definiert, als es der Mensch tun kann. Das Sprichwort „Zeit heilt alle Wunden“ scheint für unseren Planeten tatsächlich zu gelten. Er ist resistenter, als wir es je sein werden. Dazu ist er geduldiger, als wir es je sein können. Zeit ist ein entscheidender Faktor, den nicht wir auf unserer Seite haben.

Fortschritt hat uns ein Gefühl von Macht und Unantastbarkeit gegeben. Wir haben keine natürlichen Feinde, können uns selbst versorgen, Landschaften verändern, Flüsse umlenken und das Klima beeinflussen. Doch Einfluss ist nicht gleich Kontrolle. Wir bewegen uns innerhalb eines Systems, das größer ist als wir. Wir können es destabilisieren, beschleunigen und in Teilen auch verändern. Aber wir können es nicht dauerhaft beherrschen, die Erde bleibt stets das übergeordnete System. Manchmal scheint es, als hätten wir diese simple, entscheidende Tatsache auf unserer evolutionären Erfolgstour vergessen.

[Auf eine gewisse Art beruhigen mich diese Tatsachen, auch wenn die beschriebenen Entwicklungen für unsere Spezies alles andere als beruhigend sein sollte. Jedoch wird deutlich, dass unser Versagen nicht das Ende der Welt bedeuten würde. Nur das Ende von uns.

Diese Erkenntnis nimmt der Zukunft nicht ihre Bedeutung, sondern die Überhöhung. Gerade weil wir den Planeten nicht zerstören können, liegt die Verantwortung vollständig bei uns selbst. Und dabei handelt es sich ausschließlich um die Verantwortung für uns, denn unsere Taten bestimmen nicht das Schicksal der Erde, sondern unser eigenes.

Unsere Existenz in dieser Form ist absolut besonders und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht ewig. Dennoch ist sie in genau diesem Moment real. Wir haben nur dieses kurze, stabile Zeitfenster innerhalb einer sehr langen Geschichte. Es sollte unsere oberste Verantwortung uns selbst gegenüber sein, dieses kurze Zeitfenster nicht wohlwissend zu verkleinern, sondern auf das Maximum auszudehnen.]


Quellen:

NASA – Age of the Earth: https://science.nasa.gov/solar-system/age-of-the-earth/
NASA – Chicxulub Impact Event: https://science.nasa.gov/solar-system/asteroids/comets-and-meteors/chicxulub/
Encyclopaedia Britannica – Mass Extinction: https://www.britannica.com/science/mass-extinction
Smithsonian – Human Origins: https://humanorigins.si.edu/education/introduction-human-evolution
Federation of American Scientists – Nuclear Weapons: https://fas.org/issues/nuclear-weapons/
CTBTO – Nuclear Explosions & Monitoring: https://www.ctbto.org/
NASA – Habitable Zone: https://science.nasa.gov/exoplanets/habitable-zone/
NASA – Size & Age of the Universe: https://science.nasa.gov/universe/overview/
Laskar & Gastineau, Nature (2009) – Stability of the Solar System: https://www.nature.com/articles/nature08096

 

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