Nichts ist sicher und alles ist möglich
Die Weltordnung, die die letzten achtzig Jahre geprägt hat, schein sich dem Ende zu neigen. Nicht mit einem Knall, sondern durch ein langsames, strukturelles Auseinanderbrechen, das die meisten Menschen erst bemerken werden, wenn es längst geschehen ist. Dies ist ein Versuch, klar und ohne falsche Beruhigung hinzuschauen.
Die Geschichte verläuft nicht in geraden Linien, sondern in Zyklen. Ein Imperium entsteht, wächst, erreicht seinen Höhepunkt, lebt im Überfluss, verliert das, was es hat großwerden lassen, ein Imperium entsteht. Das römische Reich, das mongolische Reich, die Niederlande, Großbritannien, die USA. Nicht nur ist es in der Geschichte schon häufiger vorgekommen, vielmehr ist es noch nie nicht vorgekommen. Dieser Zyklus prägt die menschliche Zivilisation seit jeher. Die einzige wirkliche Frage ist: Wo genau befinden wir uns im aktuellen Zyklus?
Die Antwort ist zugleich unbequem und nicht mehr besonders überraschend: wir befinden uns an einem Wendepunkt.
Die Vereinigten Staaten sind seit etwa achtzig Jahren die dominierende Weltmacht. Sie haben die Nachkriegswelt nach Vorstellungen wiederaufgebaut, ihre Finanzarchitektur gestaltet, ihre Sicherheit priorisiert. Für die meisten Menschen, die heute leben, ist das einfach die Art, wie die Dinge sind. Es fühlt sich permanent an. Die Geschichte spricht dagegen.
Ray Dalio hat Jahrzehnte damit verbracht, zu untersuchen, wie dominierende Mächte aufsteigen und fallen. Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: Jedes große Imperium in der Geschichte hat denselben Bogen beschrieben. Eine aufstrebende Macht baut Wohlstand durch Produktivität und Disziplin auf. Auf ihrem Höhepunkt beginnt sie mehr auszugeben, als sie einnimmt, Schulden häufen sich an. Die Währung schwächt sich ab. Interne Konflikte wachsen, während die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Schließlich übersteigen die Kosten der Dominanz das, was das System tragen kann. Das Imperium bricht nicht über Nacht zusammen. Es ist ein Prozess, der einer Erosion gleicht. Getrieben von inneren und äußeren Faktoren.
Was den gegenwärtigen Moment besonders bedeutsam macht, ist, dass diese Erosion nun in den Zahlen sichtbar ist. Die USA tragen eine Staatsverschuldung von über 35 Billionen Dollar. Allein die Zinszahlungen werden zu einem der größten Posten im Bundeshaushalt, der direkt mit Verteidigungs- und Sozialausgaben konkurriert. Das ist nicht nur ein finanzielles Problem. Es ist ein Signal. Historisch gesehen ist der zuverlässigste Frühindikator dafür, dass eine dominierende Macht dem Niedergang entgegengeht, weder eine militärische Niederlage, noch ein diplomatisches Scheitern. Es sind Schulden.
Dalio identifiziert auch eine zweite Dynamik, die diese Phase typischerweise begleitet: den Zusammenbruch des inneren Zusammenhalts. Vermögenskonzentration, politische Polarisierung und die Erosion gemeinsamer Institutionen beschleunigen sich tendenziell genau dann, wenn sich eine Gesellschaft es am wenigsten leisten kann. Die Vereinigten Staaten zeigen alle drei gleichzeitig.
Wenn ein Imperium zerbricht, entsteht ein Machtvakuum für ein neues. Auftritt China.
China verfolgt eine andere Strategie. Geduldig, langfristig und weitgehend ungestört von den Wahlzyklen, die westliche Demokratien zu kurzfristigem Denken zwingen. Sein wirtschaftlicher Aufstieg ist historisch unvergleichbar. Seine geopolitischen Ambitionen sind proportional dazu gewachsen. Ob China innerhalb der nächsten zehn bis dreißig Jahre zur dominierenden Weltmacht wird, ist nicht sicher. Aber es ist historisch logisch.
Der norwegische Forscher Jørgen Randers verbrachte Jahrzehnte damit, zu modellieren, wohin die globale Entwicklung führen würde. Seine Schlussfolgerung, veröffentlicht im Buch 2052, war nicht optimistisch, aber präzise: Die Welt würde nicht in einem dramatischen Zusammenbruch enden. Sie würde langsamer werden. Das Wachstum in der entwickelten Welt würde stagnieren, da alternde Bevölkerungen, Ressourcenknappheit und kurzfristiges politisches Denken die Art von entschlossenem Handeln verhindern würden, die langfristige Herausforderungen erfordern. Unterdessen würden aufstrebende Volkswirtschaften kontinuierlich wachsen und den Schwerpunkt der Weltwirtschaft nach Süden und Osten verschieben. Entscheidend ist, dass Randers auch einen globalen Trend zu weniger Freiheit und mehr autoritärer Regierung vorhersagte: eine Verschiebung, die er als sowohl unvermeidlich als auch mit wirtschaftlicher Stagnation und Ressourcenknappheit verbunden ansah. Der Übergang würde so allmählich verlaufen, dass die meisten Menschen ihn nicht bemerken würden, bis er bereits stattgefunden hatte.
Diese Einschätzung wurde vor über einem Jahrzehnt gemacht und im Buch verewigt. Bislang bestätigt sie sich, ohne Grund zur Annahme, dass sich dies ändert.
Der Übergang von einer Weltordnung zur nächsten ist nie sauber. Er ist ungeordnet, unvorhersehbar und wird von Kräften geprägt, die nicht vollständig antizipiert werden können. Was im Englischen als Wildcard bezeichnet wird, könnte im Deutschen der Joker sein. Der aktuelle Übergang wird von drei Jokern geprägt, sie werden das Ergebnis dieses Übergangs mehr als alles andere bestimmen.
Der erste ist der Klimawandel. Dies ist der vorhersehbarste der drei, was ihn nicht weniger gefährlich macht. Wettermuster und -ereignisse werden volatiler und extremer. Die Nahrungsmittelproduktion in großen Teilen des Globalen Südens wird gestört. Die Migration wird sich beschleunigen, und zwar nicht als politische Entscheidung, sondern als physische Notwendigkeit. Menschen ziehen nicht um, weil sie wollen. Sie ziehen um, weil das Bleiben unmöglich wird.
Die politischen Konsequenzen dieser Migration sind bereits sichtbar. Gesellschaften unter Druck neigen dazu, nicht nach strukturellen Erklärungen zu suchen. Sie suchen nach einfachen Erklärungen und Sündenböcken. Diese Dynamik treibt den Aufstieg extremer politischer Bewegungen an beiden Enden des Spektrums voran, destabilisiert Regierungen und macht langfristige Politik genau dann schwieriger, wenn sie am meisten gebraucht wird. Der Klimawandel ist daher nicht nur eine Umweltkrise. Er ist ein politischer Beschleuniger.
Der zweite Joker ist der Wettbewerb zwischen autoritärer Kontrolle und liberaler Demokratie. Dies ist historisch kein neuer Konflikt, aber er lebt neu auf, denn der lange geglaubte Sieger schwächelt und die autoritäre Kontrolle will diese Chance nutzen. China, Russland, Iran sind einige Beispiele für ein Regierungsmodell, das Kontrolle und staatlichen Einfluss über individuelle Freiheit stellt, teils mit extremen Ausmaßen.
Was diesen Wettbewerb jedoch unvorhersagbar macht, ist, dass sich die Teams verändern. Die Vereinigten Staaten, einst der unbestrittene Anführer der liberalen demokratischen Welt, bewegen sich mit großen Schritten in Richtung Autoritarismus. Der Aufstieg populistischer Bewegungen, die Erosion institutioneller Kontrollen und die zunehmende Bereitschaft, staatliche Macht gegen politische Gegner einzusetzen, sind keine Merkmale der liberalen Demokratie, vielmehr Merkmale ihres Niedergangs. Randers sagte auch das genau voraus: eine globale Verschiebung in Richtung Autoritarismus, nicht nur an der Peripherie, sondern in den liberalsten aller Demokratien.
Die historischen Aufzeichnungen bieten auch hier Orientierung. Autoritäre Systeme tendieren dazu, in Phasen schneller wirtschaftlicher Entwicklung gut zu funktionieren. Sie sind effizient darin, Ressourcen zu mobilisieren, Dissens zu unterdrücken und langfristige strategische Pläne umzusetzen. Ihre Verwundbarkeit entsteht nicht nur, wenn Wohlstand stagniert. Sie entsteht auch, wenn Wohlstand steigt. Denn ab einem gewissen Punkt sind nicht die unzureichenden eigenen Mittel der maßgeblich freiheitsbeschränkende Faktor, sondern das autoritäre Regime. Der steigende Lebensstandard hebt individuelle Ansprüche und senkt die Abhängigkeit vom Staat. Menschen wollen eine Stimme, doch der Staat will sie oftmals nicht hören. Autoritäre Systeme haben Schwierigkeiten mit diesem Übergang. Ob China ihn meistern wird, ist eine der entscheidenden Fragen dieses Jahrhunderts.
Dies wird durch den Aufstieg der BRICS als kohärenter geopolitischer Block noch komplexer. Was als wirtschaftliche Kategorisierung begann, ist allmählich zu einem politischen Projekt geworden: eine alternative Architektur für eine Welt, die nicht ausschließlich innerhalb westlich gestalteter Institutionen operieren will. Die BRICS-Expansion und ihr wachsender Einfluss signalisieren etwas Elementares: die aktuelle Weltordnung wird nicht als unveränderbar angesehen. Diese Wahrnehmung hat Konsequenzen.
Der dritte Joker ist KI. Dieser hat die Bezeichnung tatsächlich verdient, weil wir keinen historischen Vergleich für KI haben. Jeder andere große technologische Übergang (Industrialisierung, Elektrifizierung, das Internet) kann zumindest durch Muster analysiert werden, die im Nachhinein entstanden sind. Bei KI operieren wir ohne Präzedenzfall.
Was zunehmend wahrscheinlich erscheint, ist eine dramatische Reduzierung der Kosten für nahezu alles, was produziert, konsumiert oder als Dienstleistung angeboten und nachgefragt wird. Wenn nichts etwas kostet, was hat es dann für einen Wert? Was macht das mit Märkten, Einkommensverteilung, sozialem Zusammenhalt und letztendlich politischer Stabilität?
Wir wissen es nicht. KI bringt sowohl Chancen als auch Risiken mit sich, die historisch unvergleichbar sind. Wird KI Krankheiten besiegen, die als unheilbar gelten und die großen, bislang ungeklärten Fragen des Universums beantworten? Oder werden die Algorithmen einen Nuklearkrieg auslösen, welcher das Ende der Menschheit bedeuten würde?
Das Wichtigste, was man über diese drei Joker verstehen muss, ist, dass sie nicht unabhängig voneinander operieren. Sie sind miteinander verbunden, und ihre Wechselwirkungen sind der Ort, an dem die wirkliche Unvorhersehbarkeit lebt.
Klimabedingte Migration erzeugt sozialen Druck. Sozialer Druck destabilisiert demokratische Systeme und schafft Öffnungen für autoritäre Regierung. Autoritäre Regierungen, die mit innenpolitischem Druck konfrontiert sind, könnten eher bereit sein, KI-gestützte Militärkapazitäten einzusetzen. Und KI-getriebene wirtschaftliche Störungen könnten selbst die Art von sozialer Fragmentierung auslösen, die Bevölkerungen anfällig für autoritären Appell macht.
Das bedeutet nicht, dass Katastrophen, Leid und Gewalt unvermeidlich sind. Die Machtzyklen der Geschichte wurden schon früher bewältigt, manchmal gewaltsam, manchmal nicht. Was die Geschichte nahelegt, ist, dass Übergänge dieser Größenordnung von den Menschen, die sie durchleben, tendenziell unterschätzt werden. Die Stabilität der letzten Jahrzehnte hat eine Erwartung der Kontinuität geschaffen, welche die zugrunde liegenden strukturellen Daten nicht unterstützen.
Die Vereinigten Staaten verschwinden nicht. China ist noch nicht dominant. Das Ergebnis des autoritär-demokratischen Wettbewerbs ist ungelöst. Die Entwicklung der KI bleibt unbekannt. Deutlich zu erkennen ist jedoch, dass die Weltordnung, die die letzten achtzig Jahre geprägt hat, aus mehreren Richtungen unter Beschuss steht.
Wir beobachten die vergangene und zukünftige Geschichte aus sicherer Entfernung. Aktuell werden wir daran erinnert, dass auch unsere Zeit ein Teil der Geschichte ist – und da sind wir mittendrin.
Sources
- Randers, Jørgen. 2052: Der neue Bericht an den Club of Rome — Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre. Oekom Verlag, 2012
- Dalio, Ray. Weltordnung im Wandel: Vom Aufstieg und Fall von Nationen. FinanzBuch Verlag, 2022