Die (sehr einfache) Wahrheit über Immigration

Intro:

Der erste Weltkrieg ist vorbei. Sieger- und Verlierernationen erholen sich, blicken hoffnungsvoll auf eine bessere Zukunft. Manche früher, manche später. Die Goldenen Zwanziger beginnen, eine neue Phase des Wohlstands. Genauso schnell wie sie kam, verschwand sie mit dem schwarzen Freitag im Oktober 1929 wieder. Eine neue Krise. Neue Sorge, Arbeitslosigkeit, Armut, Wut, Fassungslosigkeit und Angst.

Eine neue Niederlage, die überall zu spüren ist, insbesondere im Deutschen Reich, der Verlierernation des ersten Weltkriegs. Wirtschaftlicher Zusammenbruch, Hyperinflation, politische Instabilität und der Verlust kollektiver Orientierung erzeugten ein Klima permanenter Überforderung. In solchen Phasen sucht die Gesellschaft nicht nach Ursachen und Lösungen, sondern nach Schuldigen. Die jüdische Bevölkerung wurde zur Projektionsfläche dieser Krise gemacht. Antisemitismus war kein neues Phänomen, aber er erreichte neu Maßstäbe. Komplexe strukturelle Probleme (Kriegsfolgen, Versailler Vertrag, Staatsverschuldung, soziale Abstiegsängste) wurden auf eine Gruppe reduziert, um Kontrolle zurückzugewinnen, zumindest emotional. Dieser Mechanismus ist zentral, um zeitlos scheinende Debatten zu verstehen: Wenn Gesellschaften unter Druck geraten, gibt es keine Analyse, sondern Vereinfachung und Ausgrenzung. Wobei das Wort Ausgrenzung in dieser Hinsicht eine beispiellose Untertreibung ist. Die Verfolgung entstand weder aus Stärke, noch der Überlegenheit der Gesellschaft. Vielmehr entstand sie aus Schwäche und Orientierungslosigkeit.

Das aktuelle politische Bild ist ein legitimer Grund für Angst. Angst davor, dass die Gesellschaft diesen Fehler erneut wiederholt. Vieles deutet darauf hin, dass auch unsere Version der Goldenen Zwanziger einen nicht unerheblichen Dämpfer bekommen könnte. Nur begann unsere Version der Goldenen Zwanziger mit dem Wirtschaftswunder der 1950er Jahre und hält somit schon 75 Jahre an. Genug Zeit um vergessen zu können. Selbstverständlich ist unsere Gesellschaft heutzutage weniger fragil, als sie es in der Nachkriegszeit des ersten Weltkriegs war. Das ist jedoch nicht die entscheidende Frage. Ist unsere Gesellschaft heutzutage stark und geeint genug, den möglichen Schwarzen Freitag unseres Jahrhunderts zu verkraften?


Es ist höchstwahrscheinlich ein Fehler, den Zustand der vergangenen Jahrzehnte als neue Normalität anzusehen. Denn das, was wir heute in weiten Teilen westlicher Gesellschaften erleben, ist historisch betrachtet eher die Ausnahme als die Regel. Migration ist kein neues Phänomen und kein Nebenprodukt einer globalisierten Welt. Ebenfalls ist sie kein Fehler moderner Politik. Migration ist der Normalzustand menschlicher Zivilisation, wohl sogar aller lebenden Spezies, die es jemals auf unserem Planeten gab. Gesellschaften sind gewachsen, aufgeblüht und mächtig geworden, weil Menschen gewandert sind, nicht trotz dessen.

Europa, Nordamerika, Australien: Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstieg dieser Räume wäre ohne massive Zuwanderung nicht denkbar gewesen. Industrialisierung bedeutete Arbeitskräftebedarf und Nachkriegsordnungen bedeuteten Wiederaufbau. Gastarbeiterprogramme, Einwanderungswellen, Binnenmigration waren in erster Linie nicht moralisch motiviert, sondern ökonomisch notwendig. Staaten haben Migration nicht zugelassen, weil sie altruistisch waren, sondern weil sie notwendig für den eigenen Wohlstand war.

Diese historische Perspektive ist heute ausschlaggebender denn je, trotzdem geht sie im aktuellen Diskurs fast vollständig verloren. Migration wird behandelt, als wäre sie ein externer Schock, vor dem wir uns schützen müssen, weil wir aufgrund diverser Krisen keine Kapazität für ihn aufbringen können. Dabei ist sie strukturell eingebaut in das Funktionieren moderner Volkswirtschaften. Migration war immer Teil der Lösung, heutzutage ist sie es mehr denn je.

Wir befinden uns an einem Punkt, an dem mehrere Entwicklungen gleichzeitig aufeinanderprallen. Demografischer Wandel ist keine Prognose, sondern Realität. Die geburtenstarken Jahrgänge verlassen den Arbeitsmarkt, die nachfolgenden Generationen sind kleiner und fragmentierter. Ein Nebeneffekt von steigendem Wohlstand sind sinkende Geburtenraten, das ist eine historisch erwiesene Tatsache. Diese Tatsache macht die Entwicklung logisch erklärbar, mindert jedoch die mit ihr einhergehende Gefahr nicht. Migration ist das Instrument, mit dem dieser Entwicklung entgegengewirkt werden kann.

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Alexander Kubis und Lutz Schneider, Zuwanderung und Arbeitsmarkt


Arbeitskräftemangel ist eine tägliche Erfahrung. Eine Herausforderung für die Wirtschaft und damit den Staat, spürbar in der Industrie, im Handwerk, im Gesundheitswesen, in der Gastronomie, in der Logistik, zunehmend auch in wissensintensiven Berufen.

Parallel dazu stehen Rentensysteme unter massivem Druck. Umlagefinanzierte Systeme funktionieren nur, wenn genügend Einzahler vorhanden sind. Diese Einzahler fehlen. Zwar können Produktivitätsgewinne und Automatisierung einen Teil kompensieren, aber die strukturelle Lücke bei weitem nicht schließen. Ohne zusätzliche Menschen im erwerbsfähigen Alter ist diese Rechnung schlicht unlösbar.

Und dennoch erleben wir in genau dieser Phase einen gesellschaftlichen und politischen Rechtsruck. Migration wird zum Projektionsfeld für wirtschaftlichen Kontrollverlust, strukturelle Überforderung und kulturelle Verunsicherung. Zeke Hernandez legt diesen Widerspruch in seinem Buch „The Truth About Immigration“ unmissverständlich offen. Nicht, indem an das moralische Gewissen appelliert wird, sondern indem es Zahlen, Strukturen und Fehlannahmen trennt. Es zeigt, dass aktuell viele der Ängste real empfunden, aber falsch adressiert werden. Probleme existieren, die damit verbundenen Ängste sind logisch und nachvollziehbar. Sie entstehen jedoch nicht aus der Existenz von Migration, sondern aus schlecht gemanagten Prozessen, aus politischer Kurzsichtigkeit, aus einem fragilen Integrationsprozess und besonders aus einem Diskurs, der lieber vereinfacht und verfälscht als erklärt.

[Wenn es im Sommer nach einer wochenlangen Hitzewelle regnet, sehen wir diesen Regen nicht als Übel. Wir sehen ihn im übergeordneten Kontext als Notwendigkeit, denn er beeinflusst Ernten, Lebensmittelpreise, Wasserstände, Energieversorgung, Verkehr, Gesundheit und vieles mehr. Das hilft der Gesellschaft, mit dem Regen umzugehen. Verständnis aufzubringen und Emotionen einzuordnen, selbst wenn der Regen an einem Tag erscheint, an dem einem die Sonne lieber wäre.]

Beim Thema Migration geht die Gesellschaft leider anders vor. Migration wird isoliert betrachtet, losgelöst von Wohnungsmarktpolitik, Bildungssystemen, Wirtschafts- und Kaufkraft, regionaler Ungleichheit und staatlicher Leistungsfähigkeit. So entsteht der Eindruck, Migration sei die Ursache all dieser Spannungen. Dabei ist Migration nur einer vieler Bausteine. Genauso wie der Regen ein Baustein des Klimas ist, ist die Migration ein Baustein des funktionierenden Staates. Beim Regen scheint die Gesellschaft die Funktion und die enormen Vorteile dieses Bausteins zu verstehen und zu schätzen, beim Baustein Migration scheint sie sich schwerzutun. Dabei kann der Staat den Baustein Migration, anders als beim Regen, sogar beeinflussen und kontrollieren. Aktuell dient Migration lediglich als Sündenbock, als falsche Erklärung struktureller Herausforderungen. Das löst weniger Probleme als es kreiert, denn es verbaut Chancen, spaltet die Gesellschaft und macht den Staat langfristig handlungsunfähig. Richtig eingesetzt dient der Baustein Migration der langfristigen Staatsstabilität auf eine Art und Weise, wie es kein anderer Baustein tun kann.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir Migration brauchen. Diese Frage ist faktisch längst beantwortet. Wir brauchen sie und wir brauchen viel davon. Die Frage ist ausschließlich, wie wir sie gestalten.

Erfolgreiche Migration ist vielschichtig und komplex, denn sie erfordert Selektion, Steuerung, klare Erwartungen und funktionierende Institutionen. Sie erfordert Geschwindigkeit in Verfahren, Verlässlichkeit im Rechtssystem und Konsequenz in der Umsetzung. Integration ist eine infrastrukturelle Aufgabe. Sprache, Arbeit, Wohnraum und Bildung entscheiden darüber, ob Migration zur Belastung oder zum Wachstumstreiber wird. Zur Wahrheit gehört auch, dass falsch gemanagte Migration zur Belastung werden kann. Umgekehrt kann sie, richtig gemanagt, eine unvergleichbare Chance sein. Wichtig ist jedoch: das Ausbleiben von Migration führt in jedem Fall zu Belastung und ist in keiner Weise eine Chance.

Ein wiederkehrendes Muster in gesellschaftlichen Großdebatten ist die gezielte Verzerrung von Fakten. Zahlen werden aus dem Kontext gerissen, Korrelationen als Kausalitäten ausgegeben und Einzelfälle verallgemeinert. Überall werden Zweifel gesät: an Daten, an Modellen und Motiven der Wissenschaft. Diese Zweifel werden nicht erzeugt, um zu besseren Lösungen zu kommen, sondern um Handlungsunfähigkeit zu erzeugen. Das Ziel ist nicht Wahrheit und Fortschritt, sondern Verzögerung. Wer permanent Zweifel streut, erreicht jedoch genau das Gegenteil der offiziell formulierten Ziele: wirtschaftliche Schwächung, soziale Instabilität, Verlust von Wettbewerbsfähigkeit. Der Widerstand richtet sich rhetorisch gegen Chaos und Kontrollverlust, blockiert faktisch aber genau die Maßnahmen, die Ordnung, Steuerung und langfristige Stabilität ermöglichen.

Emotionalisierte Themen benötigen deshalb unmissverständliche Kommunikation und politische Ehrlichkeit. Migration ist kein Allheilmittel. Sie löst nicht automatisch Produktivitätsprobleme, sie kompensiert nicht jede Fehlentscheidung der Vergangenheit. Aber ohne Migration werden westliche Gesellschaften altern, schrumpfen und an wirtschaftlicher wie politischer Bedeutung verlieren. Das ist kein Werturteil, sondern eine nüchterne Feststellung mit realer Evidenz: Weltmächte halten ihre Position nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Bevölkerungsgröße. Die USA profitieren seit jeher von kontinuierlicher Zuwanderung, die Arbeitsmarkt, Innovation und militärische wie wirtschaftliche Macht speist. China verfügt allein durch seine demografische Masse über Skaleneffekte, Binnenmärkte und geopolitisches Gewicht. Bevölkerung ist Macht und schrumpfende Gesellschaften verlieren in jeder Hinsicht an Einfluss. Migration ist deshalb nicht nur innenpolitische Sozial- oder Arbeitsmarktpolitik, sondern ein geopolitischer Machtfaktor.

Wie es weitergeht, hängt davon ab, ob wir bereit sind, diese Realität anzuerkennen und ob wir politisch den Mut finden, langfristige Notwendigkeiten über kurzfristige Stimmungen zu stellen. Wie es weitergehen sollte, ist eigentlich klar: Migration als strategisches Instrument begreifen, nicht als Ausnahmezustand. Prozesse verbessern, nicht Menschen problematisieren.

Der Versuch, Migration zu stoppen, ist historisch immer gescheitert. Genauso resultierte klug gestaltete Migration mit zielgerichteter Umsetzung immer in Wohlstand, Stabilität und Erneuerung. Die Frage ist nicht, ob wir diesen Weg gehen wollen. Sondern ob wir uns leisten können, es nicht zu tun. Migration ist kein Schalter, den man umlegt, sondern ein Prozess, der Zeit braucht. Integration verläuft nicht linear, sie ist widersprüchlich, regional unterschiedlich und fehleranfällig. Unser aktuelles System funktioniert zweifelsfrei nicht reibungslos. Verfahren sind langsam, Zuständigkeiten diffus, Kommunen überlastet, Erwartungen oft unklar formuliert. Diese realen Schwächen werden von bestimmten politischen Akteuren gezielt genutzt, um den gesamten Prozess zu delegitimieren. Aus Managementversagen wird dann ein Systemversagen erklärt. Das ist nicht nur falsch, sondern gefährdet nationale Interessen (paradoxerweise genau die Interessen, für die besagte politische Akteure vorgeben einzustehen). Ein fehlerhafter Prozess ist kein Argument gegen seine Notwendigkeit. Er ist ein Argument dafür, ihn zu verbessern, nicht dafür, ihn abzuschaffen.

Letztendlich lässt sich Migration aus genau zwei Perspektiven betrachten. Die eine ist moralisch: Menschen in Not helfen, ihnen Schutz bieten und Chancen eröffnen. Die andere ist sehr nüchtern: den eigenen Wohlstand sichern, Systeme stabil halten, staatliche Zukunftsfähigkeit bewahren. Interessanterweise führt beides zum gleichen Ergebnis. Unter der rein hypothetisch Annahme, wir lebten in einer Gesellschaft schlechter, egoistischer Menschen, die keinerlei altruistische Motive kennen, bliebe die Schlussfolgerung identisch zur altruistischen Entscheidungsfindung. Jeder hat ein Interesse an Wohlstand, an funktionierenden Rentensystemen, an Wachstum, an Arbeitskräften, an Stabilität. Migration ist kein Akt sozialer Großzügigkeit. Sie ist weder Wohltat, noch moralischer Gefallen, den wir aus reiner Menschlichkeit erbringen. Migration ist eine Notwendigkeit. Sie erhält unseren Wohlstand, sie stabilisiert unsere Strukturen und sie ermöglicht Kontinuität in einer alternden Gesellschaft. Genau deshalb brauchen sie alle: Idealisten und Zyniker, Altruisten und Egoisten, sozial wie unsozial eingestellte Menschen. Nicht, weil sie gut sein wollen, sondern aus Interesse an einer Zukunft mit Sicherheit und Wohlstand für sich selbst.

Staaten verhalten sich derzeit, als stünden sie in Konkurrenz darum, wer die wenigsten Migranten aufnehmen muss. Tatsächlich müssten sie begreifen, dass sie in Konkurrenz darum stehen sollten, die meisten und am besten qualifizierten Migranten vom eigenen Staat zu überzeugen.


Quellen

Zeke Hernandez – The Truth About Immigration

Bertelsmann Stiftung – Zuwanderung und Arbeitsmarkt, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/zuwanderung-und-arbeitsmarkt

OECD – International Migration Outlook – https://www.oecd.org/migration/international-migration-outlook/

United Nations (UN DESA) – World Population Prospects – https://population.un.org/wpp/

European Commission – Ageing Report – https://economy-finance.ec.europa.eu/economic-and-fiscal-governance/ageing-report_en

World Bank – Migration and Development – https://www.worldbank.org/en/topic/migrationremittancesdiasporaissues

IMF – World Economic Outlook – https://www.imf.org/en/Publications/WEO

Eurostat – Migration and Migrant Population Statistics – https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Migration_and_migrant_population_statistics

Ray Dalio – Principles for Dealing with the Changing World Order – https://www.principles.com/the-changing-world-order/

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An Arrogant Misunderstanding

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The (very simple) Truth about Immigration