Trauma Bonding
Manche Beziehungen halten nicht, weil sie für alle involvierten Parteien förderlich sind. Oder gesund, oder schön, oder erhaltenswert. Sie halten, weil man gelernt hat, dass man sie aushalten muss. Weil man sich verantwortlich fühlt. Weil man Schuld empfindet, wenn man sie infrage stellt.
In der Psychologie nennt man das Trauma-Bonding. Die Beziehung hält, weil das Individuum zerreißt.
Je genauer man die aktuelle politische Lage in Deutschland, Europa, den westlichen Gesellschaften betrachtet, desto schwerer lassen sich Parallelen ignorieren. Nicht, weil der Staat ein Gegner wäre. Sondern weil sich das Verhältnis zwischen dem Staat und den jüngeren Generationen zunehmend wie eine einseitige Bindung anfühlt. Der Staat erwartet Loyalität, der Staat benennt konkret Pflichten. Der Staat hält die Gestaltungsspielräume und Verantwortlichkeitsbereiche klein, beschränkt Mitsprache und diskreditiert junge Menschen in besonders dunklen Momenten als unwissend.
Das ist kein Aufschrei, zumindest noch nicht. Derzeit ist es ein leises, wachsendes Unbehagen.
Die jungen Generationen in Deutschland sind nicht politikverdrossen, ganz im Gegenteil. Diesbezügliche Skepsis ist unbegründet und falsch, die Shell Jugendstudien der letzten Jahre belegen das. Junge Menschen sind interessiert, informiert und meinungsstark. Gleichzeitig beschreiben die Studien eine steigende Verunsicherung, wachsende Zukunftsängste und ein sinkendes Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik.
Krisen sind keine Ausnahme mehr, sondern konstantes Hintergrundrauschen. Fragilität in Unternehmens- und Staatsbilanzen, geopolitische Spannungen, Klimakrise, demografischer Wandel laufen parallel und weisen dazu noch starke Interdependenzen auf. Und immer hat der Staat die gleiche Botschaft an junge Generationen: Es wird enger, ihr müsst Verantwortung übernehmen.
Egal bei welchem Krisenherd, das Problem ist nicht die Verantwortung und der vermeintlich mit ihr einhergehende Druck, mit dem „die verweichlichte Jugend“ (Bezeichnung des deutschen Unternehmers Ernst Wyrsch) nicht zurechtkäme. Das Problem ist, dass sie sich stapelt, während und gerade weil der tatsächliche Einfluss begrenzt bleibt. Und diese Begrenzung setzt sich die Jugend nicht selbst. Wer jung ist, trägt immer mehr Lasten. Finanziell, moralisch und gesellschaftlich, ohne das Gefühl zu haben, wirklich am Steuer zu sitzen.
[Ich stelle mir ein Nachwuchstalent bei einem abstiegsgefährdeten Fußball-Bundesligisten vor. Im entscheidenden Spiel gibt er sein Debüt, wird in der 82. Spielminute bei einem 0:1 Rückstand eingewechselt und ohne Sieg steigt sein Team ab. Er genoss eine professionelle Ausbildung im Nachwuchsleistungszentrum, gilt als spielintelligent und technisch versiert. Seine Unbekümmertheit ermöglicht es ihm, auch in dieser brenzlichen Lage befreit aufzuspielen. Mit seiner Einwechslung geben ihm seine Mitspieler, Trainer und 82 Millionen Zuschauer im Stadion ununterbrochen Anweisungen, der Fokus auf das Spiel wird ihm erschwert. Trotz der erschwerten Bedingungen schießt er in der 87. Minute den Anschlusstreffer zum 1:1, die Mannschaft schöpft neue Hoffnung. Die jungen Generationen sind dieser Nachwuchsspieler. Das Ende des Spiels ist offen und Fußball ist ein Teamsport, der nicht von einer Person allein gewonnen oder verloren wird.]
Angriffskrieg in der Ukraine, zurück in der Realität. Krieg in unserer Nähe macht Debatten um Aufrüstung und die Wiedereinführung der Wehrpflicht unvermeidlich. Und auch sie steht exemplarisch für das Spannungsfeld zwischen Staat und Jugend. Sicherheitspolitisch wird die Wiedereinführung mit der veränderten Weltlage begründet, historisch mit früheren Generationen, moralisch mit Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen und den Werten, über die sich unsere Gesellschaft identifiziert.
Was dabei sehr kurz kommt: die strukturellen Ursachen und damit die Gründe für diese Debatte. Die Bundeswehr ist nicht zufällig in einem schlechten Zustand. Das dokumentieren seit Jahren der Wehrbericht der Bundeswehr, der Bundesrechnungshof und interne Lageberichte. Es handelt sich um das Ergebnis langfristiger politischer Entscheidungen: Sparpolitik, Auslagerung von Sicherheit, der Glaube an dauerhafte Stabilität.
Jetzt, da sich die Welt verändert hat, wird die Wehrpflicht gefordert. Und das paradoxerweise von Generationen, die in den vergangenen Jahrzehnten für die Bundeswehr verantwortlich waren.
Politische Entscheidungen sind besonders in Demokratien immer gut begründbar. Sie können jedoch auch auf Fehleinschätzungen basieren, im Falle der europäischen Sicherheit basiert sie auf dem heutigen Kenntnisstand gewiss auf einer solchen. Fakt ist: es handelt sich nicht um eine Fehleinschätzung der jüngeren Generationen. Natürlich haben sich die Bedingungen verändert, der Kurs muss in gesellschaftlicher Zusammenarbeit angepasst werden. Die Anpassung einer Teilgruppe der Bevölkerung zu überlassen, wäre unfair. Die Anpassung einer Teilgruppe der Bevölkerung zu überlassen, die für den anpassungsnötigen Zustand nicht verantwortlich ist, gleicht einer offenen Provokation, einer Herausforderung.
Wird man herausgefordert hat man zwei Möglichkeiten: you fight or you go away.
So groß die Herausforderungen auch sein mögen, junge Menschen sind bereit, sich ihnen zu stellen. Möglicherweise machen sie dies jedoch aus Beweggründen, die sich von denen älterer Generationen unterscheiden. Laut dem European Parliament Youth Survey 2024 identifizieren sich junge Menschen deutlich weniger primär über ihre nationale Zugehörigkeit als ältere Generationen. Viele fühlen sich ebenso stark europäisch oder lokal verankert. Ähnliche Ergebnisse zeigt das Pew Research Center in mehreren Europa-Studien: Jüngere Menschen knüpfen Loyalität weniger an Nation, Tradition oder Herkunft als ältere Menschen.
Man kann das bewerten, kritisieren oder romantisieren. Aber man kann es nicht ignorieren. Loyalität lässt sich nicht per Gesetz herstellen, schon gar nicht rückwirkend. Wird man von einem Konstrukt herausgefordert, für welches man wenig bis kaum Loyalität empfindet, erleichtert das die Entscheidungsfindung sehr: you go away.
Tauscht man Waffen mit Geld, ergibt sich statt der Debatte um die Wehrpflicht die Debatte um das Rentensystem. Offiziell basiert es auf Solidarität zwischen den Generationen. Faktisch wird es zunehmend zu einer strukturellen Belastung für Erwerbstätige.
Die Zahlen hierzu sind öffentlich und eindeutig. Das Statistische Bundesamt zeigt, dass der Altenquotient in Deutschland bis 2040 massiv steigt. Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Rentner. Gleichzeitig erklärt die OECD in „Pensions at a Glance“, dass Deutschland zu den Ländern gehört, in denen die implizite Belastung zukünftiger Generationen besonders hoch ist.
Das Problem ist nicht Solidarität. Das Problem ist, dass dieser „Vertrag“ nie neu verhandelt wird. Ein Vertrag, der unter Bedingungen geschlossen wurde, die heute nicht mehr vorzufinden sind. Der von Beteiligten geschlossen wurde, die heute nicht mehr beteiligt sind. Beiträge steigen, Zuschüsse wachsen, strukturelle Reformen werden vertagt. Für viele junge Menschen fühlt sich das nicht nach Fairness an, sondern nach Alternativlosigkeit.
[Wenn ein lokaler Einkaufsladen nach dem Prinzip „jeder zahlt den Einkauf des vorherigen Kunden“ operieren würde, wäre die Jugend ein Einfamilienhaushalt. Vor ihr hat eine achtköpfige Familie ihren Wocheneinkauf erledigt. Und nach ihr ist nicht nur kein Kunde mehr zu sehen, sondern das Geschäft schließt in ein paar Minuten und ab morgen sind drei Wochen Betriebsferien.]
Solidarität ohne Perspektive wird zur Pflicht. Pflicht ohne Perspektive erzeugt Distanz. Und Distanz mindert Loyalität, die Loyalität zum Trauma-Bonding-Partner.
Kaum ein Thema prägt das Verhältnis zwischen Staat und junger Generation so stark wie der Klimawandel. Das IPCC macht seit Jahren deutlich, dass die langfristigen Folgen vor allem zukünftige Generationen treffen werden. Entsprechend hoch ist die Sensibilität junger Menschen für dieses Thema, auch hierfür sind die bereits erwähnten Shell Jugendstudien ein geeigneter Beleg.
Gleichzeitig erleben viele junge Menschen eine politische Realität, in der ambitionierte Ziele formuliert, aber inkonsequent umgesetzt werden. Während große strukturelle Entscheidungen verschleppt werden, richtet sich der moralische Appell häufig an das individuelle Verhalten.
Die Folge ist ein paradoxes Gefühl: hohe Verantwortung bei geringer Macht. Wer betroffen ist, entscheidet nichts. Wer entscheidet, ist weniger betroffen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Asymmetrie toxisch ist. Nicht nur für die Klimapolitik, sondern für das Vertrauen in politische Prozesse insgesamt.
Letztendlich wird nicht nur die Zukunft junger Menschen auf unserem Planeten gefährdet, wenngleich das Grund genug sein könnte. Junge Menschen haben das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, da Bedenken verharmlost werden und auf Worte keine Taten folgen.
Ein weiterer Aspekt, der diese Dynamik verstärkt, ist die ungleiche Verteilung von Vermögen und politischem Einfluss. Die Bundesbank-Vermögensstudien und Analysen des DIW zeigen seit Jahren: Vermögen in Deutschland ist stark altersabhängig konzentriert. Immobilienbesitz, Kapitalerträge und finanzielle Sicherheit nehmen mit dem Alter deutlich zu.
Dies spiegelt sich politisch wider. Ältere Generationen sind wahlstärker, besser organisiert und stärker repräsentiert. Junge Menschen haben demografisch weniger Gewicht und entsprechend weniger Durchsetzungskraft. Das ist kein moralischer Vorwurf, sondern eine strukturelle Tatsache. Aber sie hat Konsequenzen. Wenn langfristige Entscheidungen überwiegend von denen getroffen werden, die ihre Folgen kaum noch selbst tragen, leidet die Legitimation.
Die stille Gefahr ist immer die gleiche: Entkopplung statt Protest.
Wenn Loyalität dauerhaft eingefordert wird, ohne dass Fairness spürbar ist, sinkt laut World Values Survey und European Values Study das Vertrauen in Institutionen. Das äußert sich in unserem Abschnitt der Geschichte vielleicht nicht in Revolutionen, denn diese setzen hohe Identifikation mit Staat und Nation voraus. Vielmehr könnte es sich in Rückzug äußern. In innerer Kündigung und der Entscheidung, sich zu arrangieren, aber nicht zu identifizieren. Das ist leise, aber langfristig gefährlich. Sobald der Protest erlischt, ist es zu spät.
Vielleicht trifft es erstmalig in der Geschichte von Staaten zu, dass sie sich nicht durch Revolutionen gefährdet sehen, sondern durch das Ausbleiben dieser.
Eine euphorische Jugend wäre schön, doch der Staat braucht sie nicht zwangsläufig. Aber er braucht zwangsläufig eine, die sich verbunden fühlt. Der Staat braucht eine Jugend. Er sollte sich so verhalten. In einer Zeit, in der sich der Staat aufgrund sinkender Loyalität junger Generationen mehr um sie bemühen sollte, scheint er das Gegenteil zu tun. Angeschlagene westliche Nationen kämpfen mit diversen Krisen, sie kämpfen ums Überleben. Verlieren sie die Jugend, verlieren sie die Kämpfe.
Dieser Text ist kein Angriff auf den Staat. Er ist ein nüchterner Hinweis darauf, dass sich eine seiner Beziehungen verschoben hat. Weg von Vertrauen, hin zu Trauma-Bonding.
Jeder Staat sollte sehr genau darauf achten, seine jungen Generationen nicht gegen sich aufzuspielen. Nicht aus emotionalen Gründen, sondern aus rationalen.
Die Wahrheit ist: junge Menschen sind sich bewusst, was sie haben. Und sie sind enorm dankbar dafür, was der Grund für den Fortbestand dieser immer toxischer werdenden Beziehung ist. Zur Wahrheit gehört jedoch auch: Trauma-Bonding endet irgendwann. Besonders, wenn es auf Dankbarkeit beruht, die ihre Grenzen erreicht hat.
Quellen
Shell Deutschland Holding – Shell Jugendstudie 2021, 2023, https://www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie.html
European Parliament – Youth Survey 2024, https://www.europarl.europa.eu/at-your-service/en/be-heard/eurobarometer/youth-survey
Pew Research Center – National Identity & Global Citizenship in Europe, https://www.pewresearch.org/global/
World Values Survey, https://www.worldvaluessurvey.org
European Values Study, https://europeanvaluesstudy.eu
Statistisches Bundesamt (Destatis) – Bevölkerungsvorausberechnung / Altenquotient, https://www.destatis.de
OECD – Pensions at a Glance, https://www.oecd.org/pensions/pensions-at-a-glance/
IPCC – Sixth Assessment Report (AR6), https://www.ipcc.ch/assessment-report/ar6/
Deutscher Bundestag – Wehrbericht der Bundeswehr, https://www.bundestag.de/wehrbeauftragte
Bundesrechnungshof – Berichte zur Bundeswehr, https://www.bundesrechnungshof.de
Deutsche Bundesbank – Panel on Household Finances (PHF), https://www.bundesbank.de
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) – Vermögensverteilung, https://www.diw.de
OECD – Trust in Government, https://www.oecd.org/gov/trust-in-government/